#4 Drei Thesen zur digitalen Kreativarbeit

Was die Zukunft bringt

Johannes Kleske ist Strategieberater und Zukunftsforscher aus Berlin. Mit seinem Unternehmen Third Wave berät er europaweit Unternehmen zum digitalen Wandel. Die Herausforderungen der Kommunikation- und Werbebranche kennt er nicht zuletzt durch eine frühere Anstellung bei der Digital-Agentur Razorfish. Johannes blickt kritisch auf die Entwicklungen der Zukunft, das verrät er uns im Skype-Call. Seine drei wichtigsten Thesen hier im Überblick.

Charlottes Frage aus #3: Was sind zukünftig die wichtigsten Jobkriterien? Spaß? Geld? Status?…

1.) Selbstbestimmung als wichtigstes Kriterium für die Jobwahl

Die Arbeitswelt verändert sich, die Bewerber auch. Wichtigstes Jobauswahlkriterium für die sogenannten Millenials ist Selbstbestimmung. Nicht Geld, Prestige oder Karriere reizen, sondern die Möglichkeit sehr frei zu entscheiden, sinnvolle Tätigkeiten auszuführen und Beruf und Privatleben vereinbaren zu können. Natürlich sind nicht alle gleich: Manche suchen größtmögliche Flexibilität – auch in Bezug auf Arbeitszeiten und -orte. Andere suchen nach wie vor die vermeintliche Sicherheit einer klassischen Anstellung, auch über die üblichen Karrierewege.

Was die beiden verbindet ist der Wunsch frei, über die Art und Weise wie eine Arbeit erledigt wird, zu entscheiden und Kontrolle über das eigene Leben zu besitzen. Wollen die Unternehmen diese Altersgruppe gewinnen, müssen sie weg vom klassischen Taylorismus, in dem fest definierte Kleinteiligkeit die Führung der Mitarbeiter bestimmt. Die Person selbst muss im Mittelpunkt stehen – über ihre Job-Position und Qualifikation hinaus.

2.) Digitalisierung wird die Gesellschaft weiter spalten

In vielen Branchen ist heute schon erkennbar, dass sich die Gesellschaft in Digitalisierungsverlierer und -gewinner aufteilt. Auf der einen Seite stehen die, die den Algorithmus füttern. Auf der anderen die, die von ihm gefressen werden. Digitale Plattformen wie Uber, Amazon Mechanical Turk oder Deliveroo versprechen zunächst die Freiheit neuer Zuverdienstmöglichkeiten – in der Realität besteht jedoch häufig Abhängigkeit von den Konditionen der Plattformbetreiber und nicht selten Ausbeutung. Ganze Branchen werden umgekrempelt. Echte Kreativleistungen werden zwar auch in Zukunft nicht automatisierbar sein. Aber bieten Designer und Kreative ihre Dienstleistungen über weltweite Online-Plattformen an, sind auch sie häufig von den Bewertungsschemata, Vergütungskonditionen und AGBs der Plattformbetreiber abhängig.

3.) Eine digitale Arbeiterbewegung muss her

Ausbeutung kann nicht durch Selbstverpflichtungserklärungen der Plattformbetreiber verhindert werden. Sie sind nicht mehr als Kosmetik oder PR-Tools und helfen Click- und Crowdworkern nicht. Faire Arbeitsbedingungen sind eigentlich das Kernthema der Gewerkschaften – doch selbst gute gemeinte Initiativen, wie die Plattform faircrowdwork der IG Metall entfalten keine echte Marktmacht und Anziehungskraft für Digitalarbeiter. Eine übergreifende akzeptierte Lobby-Organisation fehlt. Das Einzige was helfen kann sind daher eigene Initiativen der Betroffenen – eine digitale Arbeiterbewegung. Erste Tools ermöglichen die Selbstermächtigung, z.B. indem Arbeitnehmern ihre Auftraggeber zu bewerten und diese Informationen teilen. Eine echte Chance wäre die Selbstorganisation in Form von genossenschaftlichen Modellen: Kooperative Plattformen, die von den Internet-Arbeitern selbst betrieben werden und daher mit fairen Bedingungen arbeiten – aktuell leider noch Zukunftsmusik.

Eine besondere Frage beschäftigt Johannes dauerhaft bei seiner täglichen Beschäftigung mit Veränderungsthemen:

Werden in zehn Jahren Unternehmen auf der Basis von neuen Technologien mehr Jobs schaffen als verdrängt haben?

Wir suchen die Antwort in unserem nächsten Interview mit Igor in Lissabon.

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