#2 Arbeitszeit ist wertvolle Lebenszeit

Eva, Gründerin des Coworking-Konzeptes MATES in München

Etwas versteckt in einem Hinterhof, dafür mitten im Leben des Münchner Stadtteils Lehel liegt MATES. Über zwei Etagen in einer ehemaligen Kutschenfabrik erstrecken sich die verschiedenen Räume und verwinkelten Flächen des Coworking-Spaces. Doch MATES ist weit mehr als nur ein weiterer Anbieter von flexibel buchbaren Arbeitsplätzen. Was genau, darüber spreche ich mit Eva Lichner, Co-Founder und Geschäftsführerin des MATES.

Flexibles Arbeiten im Coworking-Space Mates in München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

INGO: Hast Du schonmal in einem ganz normalen Büro gearbeitet?

EVA: Naja, es kommt darauf an, was man unter „normal“ versteht. Eigentlich habe ich in den letzten Jahren immer in Agenturen und Designbüros gearbeitet, die besonderen Wert auf eine kreative Atmosphäre gelegt haben. Das ist mir auch extrem wichtig – sowohl was eine offene und lockere Atmosphäre betrifft, als auch eine Raumgestaltung, die inspiriert. Wenn ich mal in einem klassischen Büro bin, in dem jeder in seinem abgeschlossenen und anonymen Zimmer arbeitet, bin ich immer wieder erschrocken, weil viel zu wenig Austausch stattfindet. So möchte ich nicht arbeiten.

Eva hat neben ihrem Master in International Marketing und Communication auch Interior Design in London studiert – und das sieht man den Räumen des MATES an. Sie strahlen keine kühle und durchgestylte Loftästhetik aus, sondern kombinieren historischen Industrie-Charme mit vielen liebevollen Details. Alles ist sehr offen, aber durch unterschiedlichste Flächen (Eva nennt es „Zonierungen“) gibt es auch Rückzugsmöglichkeiten: vom großen Stehtisch am Empfang über die langen Coworking-Schreibtische bis hin zu kleinen Telefonkojen, gemütlichen Meetingräumen und angegliederten Flächen in denen zwei Agenturen als feste Mieter untergebracht sind. Pflanzen, Bilder, alte Holzkisten und rustikale Kelim-Teppiche schaffen eine Atmosphäre, die eher an ein schickes Wohnzimmer erinnert, als an einen Arbeitsplatz. Eine Designerlampe mit Kohlefaser-Glühbirnen im Eingangsbereich sorgt für eine warme Lichtstimmung.  

Welche Rolle spielte Architektur und Design bei der Entwicklung von Mates?

Zu Anfang haben wir uns gefragt: Wie sieht der Workspace 2.0 aus? Da gibt es ja durchaus gute Beispiele: aus diversen Berliner Startups, dem Silicon-Valley oder auch aus hiesigen Agenturen. Aber es sollte auch nicht zu verspielt sein – vielleicht könnte man es „erwachsener“ nennen. Letztendlich wollten wir ein bisschen Agenturfeeling schaffen ohne eine Agentur zu sein. Eine kreative Atmosphäre für Kreative, die ihr eigener Chef sein wollen.


Benötigt es eine bestimmte Atmosphäre bzw. bestimmte Räumlichkeiten, um kreativ und produktiv zu sein?

Eva Lichner, Gründerin des Coworking-Space MATES.

Da bin ich mir ganz sicher. Zum einen ist es die Offenheit und die Struktur der Räumlichkeiten, die Austausch und Kooperation ermöglichen müssen. Dazu kommen viele Details, die das richtige Umfeld für Kreative schaffen. Letztendlich war es uns auch wichtig, ganz bewusst eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, fast schon ein Wohnzimmer-Feeling. Warum? Wir glauben daran, dass Arbeitszeit wertvolle Lebenszeit ist. Deshalb möchten wir, dass die Menschen hier nicht das Gefühl haben „bei der Arbeit“ zu sein – das zeigt auch das Feedback, das wir bekommen: Die Freelancer kommen hierher, nicht nur um zu arbeiten, sondern auch um sich auszutauschen und inspirieren zu lassen. Eine vernünftige technische Ausstattung ist Grundvoraussetzung, dazu gehört schnelles Internet, Drucker mit denen man auch mal A3-Ausdrucke machen kann und natürlich eine gute Kaffeemaschine.

Wie auf Kommando rattert hinter uns die elektrische Kaffeemühle los und zwei Freelancer bekommen von Eva die Unterschiede der Espresso- und Kaffeebohnen erklärt, was in welche Mühle gehört und wie die Kaffeemaschine zu bedienen ist – auch das macht die familiäre Atmosphäre im MATES aus. Persönlicher als in einem Café und geselliger als im eigenen Homeoffice.

Wie unterstützt ihr den Austausch zwischen euren Kunden?

Dafür haben wir gerade unsere eigene MATES-Community gelauncht (mates.network). Hier wird nicht nur über unsere Veranstaltungen informiert, sondern jeder kann sein eigenes Profil erstellen und sich und seine Arbeiten präsentieren. Parallel dazu haben wir schon reges Interesse von Agenturen – mit einem Community-Zugang können sie bei uns nach geeigneten Freelancern recherchieren, Profile ansehen und sogar direkt die Verfügbarkeit einsehen. Im Gegensatz zu reinen digitalen Netzwerken haben wir aber einen entscheidenden Vorteil: den persönlichen Kontakt. Wir wollen der Münchner Kreativszene ein Gesicht geben und eine Plattform bieten, wo Auftraggeber und Auftragnehmer zueinander finden.

Welchen Zukunftstrend greift ihr mit Mates auf? Wie wird sich das langfristig entwickeln?

Natürlich gibt es den großen Trend zu Globalisierung. Und wenn ich jung und ungebunden bin, ist es vielleicht toll ein „Digital Nomad“ zu sein und mir mit Jobs das Geld zu verdienen um zu reisen und hippe Surfspots zu besuchen. Aber wir sehen auch den Gegentrend zur Regionalität. Die Menschen wenden sich wieder den „echten“, nicht-globalisierten Dingen zu – Essen aus der Region, natürliche Materialien in der Einrichtung, persönliche Begegnungen statt Online-Chats. Ein Großteil unserer Kunden kommt aus München, viele sogar aus der direkten Nachbarschaft. Sie leben gerne hier und möchten auch gerne in München arbeiten. Auf der anderen Seite ist es doch Unsinn, wenn Münchner Agenturen Kreative aus Berlin oder anderen Städten buchen, weil sie hier niemanden finden. Ich bin überzeugt: Wir haben hier ein tolles Angebot und auch viel Nachfrage. Und MATES ist die Basis, wo diese Leute zusammenfinden. Nicht nur virtuell, sondern ganz real. Und weil die Nachfrage sehr groß ist, eröffnen wir 2017 die zweite Location in München – und vielleicht irgendwann auch einmal in anderen Städten.

Nicht nur in München, sondern in ganz Deutschland, klagen Agenturen vermehrt über Schwierigkeiten gutes Personal zu bekommen. Im Gegensatz zu den 80er Jahren hat die Werbebranche als Arbeitgeber an Attraktivität verloren. Was vielleicht auch hausgemacht ist: Im Zuge von Effizienzsteigerung und Sparmaßnahmen wurden viele Angebote abgeschafft, die einmal die Arbeit in einer Agentur so begehrenswert und glamourös gemacht haben – sei es das freie Buffet und Gratis-Drinks, extravagante Weihnachtsparties oder den spektakulären Agenturausflug nach Cannes. Oft sind nur lange Arbeitszeiten, magere Bezahlung und viel Stress übrig geblieben. Viele Kreative verabschieden sich in die Selbstständigkeit, weil sie selbstbestimmter arbeiten und die Balance zwischen Arbeit und Privatleben wieder herstellen wollen.

 

Kaffee, Obst, Softgetränke – Der Coworking-Space MATES bietet alles was ein Freelancer braucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist Freelancer-Arbeit die bessere Alternative zur Festanstellung?

Das ist sicher Typsache. Gut ist es für Menschen, denen es wichtig ist ihr eigener Chef zu sein. Die selbstbewusst genug sind, zu akquirieren und von Projekt zu Projekt zu leben. Die Motivation daraus ziehen, für sich selbst zu arbeiten. Aber die auch ihre Kapazitäten selbst managen, sich Grenzen setzen können und diese einhalten – vielleicht ist das für ganz junge Kreative sogar schwieriger sich da zu disziplinieren. Ich habe erlebt, dass viele festangestellte Kreative oft unmotiviert, unzufrieden und frustriert sind. Etliche Freie gehen dagegen mit hohem Engagement an ihre Arbeit und vernetzen sich stärker auf Veranstaltungen, bilden sich weiter und inspirieren sich gegenseitig. So sind sie für die Agenturen, die unter dem Fachkräftemangel leiden eine sehr wichtige Ressource. Für die Freelancer ist es aber zentral eine feste Anlaufstation zu haben und nicht allein im Homeoffice zu versauern. Da haben viele die Erfahrung gemacht, die auch das Motto und die Gründungsidee von MATES darstellen: „Working alone sucks.“

MATES bietet für Kreative unterschiedliche Preismodelle an – vom Halbtagespass bis zum festen Resident-Platz mit All-Inclusive-Service. Die zwei Meetingräume können auch von Externen gebucht werden. Die MATES-Community steht aktuell nur Agenturen und Freelancern aus München zur Verfügung.

Weitere Infos: www.mates-muenchen.de und http://mates.network

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