#15 Wie sich eine Business School neu erfindet

20.000 Euro für ein Studium oder für eine Weltreise?

Was macht ein „Digital & Innovation Officer“ bei einer der führenden europäischen Business Schools – der Frankfurt School of Finance & Management? „Dinge in Bewegung bringen“, sagt Wolfgang Weicht, der diese Funktion seit Anfang des Jahres bekleidet, und stellt sein motorisiertes Longboard in die Ecke, bevor wir uns mit Croissants und Kaffee zum Gespräch setzen.

In Bewegung ist so Einiges an der Frankfurt School – schon alleine deshalb, weil man im Oktober einen neuen Campus eröffnet, der die Schule deutlich näher ins Zentrum der Stadt rückt und durch ihre Lage und Architektur auch sichtbarer macht. So passt die räumliche Veränderung vielleicht ganz gut zu einem Umfeld, das aus Sicht von Wolfgang durch die technischen Veränderungen („ Digitalisierung“) auf der einen Seite und die veränderten Erwartungen der Menschen („New Work“) auf der anderen Seite geprägt werden. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Art wie Ausbildung und Lehre gedacht werden muss.

Wolfgang Weicht – Digital & Innovation Officer

Studium oder Weltreise?

„Wenn ein junger Mensch heute nach der Schule überlegt wie es weitergeht, und er möchte 20.000 Euro in seine Zukunft investieren, dann ist die erste Wahl nicht mehr zwingend ein Studium, das auf Beruf und Karriere vorbereitet. Vielleicht wird er eine Weltreise machen und sich damit weiterentwickeln. Oder er gründet ein Start-Up, weil das das größere Abenteuer ist.“

Digitale Tools ermöglichen einen schnellen und einfachen Zugang zu Wissen, das vorher Experten vorbehalten war. Die Gatekeeper-Funktion von Universitäten wird schwächer. Ich muss nicht an einer teuren Uni eingeschrieben sein, um erstklassige Vorträge zu hören und Zugang zu Wissen zu bekommen. Doch welche Funktion bleibt dann noch für sie?

Werte schaffen – nicht nur für Shareholder

„Neben der Wissensvermittlung werden zukünftig zwei Rollen für Business Schools an Bedeutung gewinnen. Erstens: das reale soziale Netzwerk, zwischen den Studenten, Professoren, aber auch zu anderen Akteuren in der Stadt, wird wichtiger. Die ‚User Experience des Campus Lifes‘ wird zu einem entscheidenden Mehrwert. Zweitens: Gerade eine Business School steht in der Pflicht ‚Entrepreneurship‘ ganzheitlich zu denken. Nicht nur in Form von ‚shareholder value‘. Wir müssen wieder stärker Werte vermitteln und Unternehmer mit sozialer und nachhaltiger Verantwortung entwickeln.“

Damit solche Werte nicht nur im Hörsaal vermittelt werden, entwickelt und stärkt die Frankfurt School eine Reihe von Initiativen. Zum Beispiel das von Wolfang angestoßene „Frankfurt Lab“, eine Plattform bei der sich Unternehmer, Vordenker, Studenten und Lehrende austauschen und die zukünftig wichtigen Werte gemeinsam aushandeln können. Oder eine eigene Edition der TEDx-Konferenzen auf dem Campus der Frankfurt School. Aber auch eine „Health & Wellness Initiative“, da das altehrwürdige Konzept von „Mens sana in corpore sano“ in Zeiten von Burnout, digitaler Demenz und Work-Life-Balance eine ganz neue Aktualität bekommt.

Hilft vielleicht auch bei digitaler Demenz – ein Schokocroissant.

Robos, Zombies & Kreative

„Wenn wir Menschen für die Zukunft fit machen wollen, müssen wir sie letztendlich zu sehr viel mehr Kreativität befähigen. Die Arbeit der Zukunft wird geprägt sein von einem Drittel Robojobs, einem Drittel schlecht bezahlter Zombiejobs und einem Drittel Kreativjobs. Kreativjobs nicht im Sinne von künstlerischer Tätigkeit, sondern in Form von Arbeit, die nur mit der ureigenen menschlichen Fähigkeiten von Ideenreichtum, Empathie, Verantwortung und sozialer Interaktion erfolgreich sein kann.“

Eine Business School, die nicht egozentrische Kapitalismus-Soldaten drillt, sondern Unternehmer ausbildet, die gesellschaftliche Mehrwerte schaffen? Die nicht Wissenskonsum verkauft, sondern eine Plattform für Sinn- und Selbstfindung bietet? In der Professoren nicht die Erfolgsrezepte für die Zukunft vorgeben, sondern in der man sich gemeinsam explorativ auf den Weg macht? Das hört sich spannend an – fast so abenteuerlich, wie ein Start-Up zu gründen.

Wolfgangs Antwort auf Mikkels Frage aus Interview #14: Was passiert, wenn wir wirklich interdisziplinär Arbeiten – zusammen mit Menschen, die aus ganz anderen Branchen kommen? Welche Erfahrungen gibt es hierzu?

Oft geht es gar nicht um zielgerichtete Zusammenarbeit, sondern darum Plattformen zu schaffen auf denen sich Menschen aus den verschiedensten Bereichen begegnen. Ein eindrucksvolles Beispiel war für mich, als im Rahmen einer Diskussion bei der Weltraumagentur ESA ein Mitarbeiter der Marsmission Probleme bei der Bilderkennung erläuterte und dann eine Biologin vom Max-Planck-Institut entsprechende Lösungsansätze aus Ihrer Forschung einbringen konnte. So etwas lässt sich kaum systematisieren, aber wir brauchen dafür Räume und Gelegenheiten – dann schafft der Austausch selbst schon den Mehrwert.

Wolfgangs Frage für unser nächstes Interview:

Warum arbeiten wir?

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