#18 Eine Stimme für Selbstständige

Christoph vom VGSD ist überzeugt: „Echtes Unternehmertum beginnt im Kopf“

Christoph Plähn ist Anwalt und berät mittelständische Unternehmen in wirtschaftsrechtlichen Fragen. Aber er kennt auch die Erwartungen von Selbstständigen und Gründern – nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch durch sein ehrenamtliches Engagement beim VGSD Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. – wo er gemeinsam mit Jens Bockemühl die Regionalgruppe Frankfurt koordiniert. Vor kurzem erst gegründet, zählt der Verein heute bereits fast 3.000 Mitglieder. Wir treffen Christoph zum Gespräch im Kanzlei-Meetingraum in Frankfurt mit Blick auf den Main.

Warum hast Du Dich selbstständig gemacht?

Ich habe gute 10 Jahre angestellt gearbeitet – das war eine gute und lehrreiche Zeit. Aber dann war der Wunsch da, meinen Arbeitstag freier zu gestalten, nach meinen eigenen Vorstellungen die Arbeit zu strukturieren und insgesamt selbstbestimmter zu arbeiten. Heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen angestellt zu sein. Auch aus dieser Überzeugung engagiere ich mich im VGSD.

Welche Menschen wollt ihr mit eurem Verband ansprechen?

Es gibt heute ja eine Vielzahl von Menschen, die selbstständig arbeiten. Dazu gehören mittlerweile auch viele, die bei einem Logistikunternehmer oder einer Schlachterei auf selbstständiger Basis arbeiten. Wir möchten aber vor allem für diejenigen da sein, die wirklich aus Überzeugung selbstständig sind – und nicht aus der Not heraus, oder weil sich ein Auftraggeber ein entsprechendes Modell ausgedacht hat.

Was unterscheidet einen „Selbstständigen aus Überzeugung“ von anderen?

Ich glaube, es hat sowohl mit dem Geschäftsmodell als auch mit der persönlichen Einstellung zu tun. Jemand der die Selbstständigkeit bewusst gewählt hat, hat einen klaren Businessplan, möchte das unternehmerische Risiko mit allen Vor- und Nachteilen selbst tragen und genießt die Freiheit selbst entscheiden zu können. Selbstständigkeit und echtes Unternehmertum beginnt im Kopf.

Sieht das der Staat auch so?

Hier haben wir leider ein echtes Problem: denn ob jemand wirklich oder nur zum Schein selbstständig ist, ist für den Staat oft nicht so leicht zu unterscheiden. Und im Kampf gegen Scheinselbstständigkeit wird dann über die Stränge geschlagen. So sehen wir in den letzten Jahren,  massive Versuche echte Selbstständige in Arbeitnehmer und Scheinselbstständige umzudefinieren. Manchmal hat man das Gefühl, hier soll zahlungskräftiges Potenzial eingesammelt werden. Mit dem Resultat, dass sie in die Sozialversicherungspflicht gedrängt werden – oder was noch schlimmer ist, zum Teil Jahre später anders eingeordnet werden, mit zum Teil ruinösen Nachzahlungen bei den Auftraggebern.

Sollte denn gar nicht gegen Scheinselbstständigkeit vorgegangen werden?

Doch, das ist natürlich wichtig. Aber wir haben heute das Problem, dass es keine klare Abgrenzung gibt und die Rentenversicherungen z.T. schwer nachvollziehbare und auch regional unterschiedliche Entscheidungen treffen. Für einen Selbstständigen – ebenso wie für seinen Auftraggeber – ist aber Planbarkeit wichtig. Entsprechend bräuchte es sauber definierte Positivkriterien, wann jemand selbstständig ist – und somit auch für Rente und Krankheit selbstverantwortlich vorsorgen kann.
Unsicherheit, Unklarheit, Misstrauen und Bevormundung sind fatale Signale. Denn eigentlich sollte man den Mut, sich selbstständig zu machen ja fördern und belohnen. Wenn aber jemand bewusst diesen risikoreichen Schritt geht, darf man ihn nicht in ein enges Korsett pressen. Gerade in den Anfangsjahren der Selbstständigkeit braucht man die finanzielles Flexibilität anstatt gezwungen zu sein hohe Beträge in die Altersvorsorge zu stecken. Der Staat sollte für jeden Selbstständigen dankbar sein, denn letztendlich entlastet er auch die Sozialsysteme.

Wo setzt ihr mit eurem Verband an?

Wir haben festgestellt, dass es niemanden gibt, der die Interessen der Selbstständigen ernsthaft vertritt. Arbeitnehmer haben mit den Gewerkschaften eine starke Lobby; ebenso haben die Arbeitgeber ihre Verbände. Gerade aber jetzt, wo durch die Veränderungen der Arbeitswelt und die Flexibilisierung immer mehr Menschen bewusst den Schritt in die Selbstständigkeit gehen, brauchen sie ein wahrnehmbares Sprachrohr, das ihre Interessen bei der Politik deutlich vertritt.
Nie war es einfacher, dank der Digitalisierung, als „Solopreneur“ mit einer guten Idee und geringem Investment ein Unternehmen aufzubauen. Diese Menschen und ihren Unternehmergeist möchten wir fördern und unterstützen. Übrigens nicht nur mit Lobbyarbeit, wie beispielsweise unseren Online-Petitionen, sondern auch ganz praktisch: mit Wissensaustausch in unseren Experten-Telkos, mit regionalen Networking-Veranstaltungen und mit Best-Practices und Tipps auf unserer Website. Und da wir alle ehrenamtlich unser Wissen und unsere Zeit zur Verfügung stellen ist der Mitgliedsbeitrag auch so gering, dass sich das jeder problemlos leisten kann.
Weitere Informationen: www.vgsd.de

Zur Frage von Iris aus Interview #17: Bis wann ist Home-Office gesund? Wo stört es die Kultur des Unternehmens?

Ich glaube, dass Home-Office-Arbeit zukünftig immer mehr Bedeutung erlangen wird, weil es Ausdruck einer zunehmenden Flexibilisierung der Arbeit ist. Allerdings ist dies meines Erachtens nicht für jeden wirklich geeignet. Ich für mich habe bei Home-Office-Arbeit gemerkt, dass ich auch schnell Gründe finde, mich von der Arbeit abzulenken. Ein Homeworker muss in jedem Fall ein hohes Maß an Eigenmotivation und Verantwortungsbewusstsein für seine Aufgabe haben. Zudem glaube ich, dass es bei stark team-fokussierter Tätigkeit Instrumenten bedarf, welche eine regelmäßige Abstimmung sicherstellen. Produktivität und vor allem auch Kreativität entstehen häufig bei persönlichen Teammeetings. Ganz ersetzen, kann man den persönlichen Kontakt daher meines Erachtens nicht.

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